Wenn‘s zu Hause kracht – Krisen gemeinsam bewältigen

Eine Alltagssituation

„Geh nicht runter“, flüstert Mia Till zu, „unten ist dicke Luft“. Till schaut seine Schwester erschrocken an. Aus der Küche kommen laute Stimmen. Mama und Papa streiten. Eigentlich sind fürs Streiten eher Mia und Till zuständig. Sie streiten sich fast jeden Tag. Mia findet Till oft richtig gemein, er ist zwei Jahre älter und lässt sie einfach nicht mitspielen. Und Till denkt, dass Mia eine Heulsuse ist. Aber heute Abend ist alles anders. Betroffen sitzen sie an der Treppe und trauen sich nicht runter. Till nimmt Mia ganz fest in den Arm. „Meinst du, wir sind schuld, dass Mama und Papa streiten?“ fragt Mia leise.

Die Erinnerungen bleiben

Streit kommt in jeder Familie vor. In manchen Familien wird es richtig laut, andere Familien schweigen sich an. Und in manchen Familien wird es handgreiflich.  Da schlagen sich Geschwister untereinander, Eltern schlagen die Kinder oder auch Kinder treten oder spucken nach ihren Eltern.

Ich weiß noch, dass ich als Kind sehr erschrocken war, als meine Freundin mit voller Wucht getreten wurde, als sie nicht schnell genug zum Essen kam. Jeder von uns hat sicher seine eigenen Erlebnisse, die er aus seiner Kindheit mitgenommen hat. Sie haben uns geprägt und beeinflusst. Für mich war damals schon klar, dass ich meine Kinder so nicht erziehen würde. Zu meinem Glück hatte ich eine liebevolle Familie, die besonders auch in schwierigen Krankheitszeiten einen starken Zusammenhalt entwickelt hatte. Meine Eltern waren mir immer ein Vorbild. Sie gaben mir das Gefühl, geliebt und willkommen zu sein. Natürlich haben meine Brüder und ich auch gezankt und dann haben meine Eltern geschimpft. Dabei wurde es dann hin und wieder schon mal laut.  Aber die Grundstimmung war freundlich und liebevoll.

Familie ist Beziehungsarbeit

In unserer Arbeit bei kids-team begegnen uns die unterschiedlichsten Familien. Unsere großen Anliegen sind, ihnen Mut zu machen und eine gute Beziehung in der Familie aufzubauen.  Wenn Jürgen und ich in Gemeinden oder auf Freizeiten über Erziehung sprechen, dann reden wir sehr offen über unser eigenes Familienleben. Es geht dabei oft um die Bedürfnisse, die Kinder haben, aber auch darum, wie wir als Eltern wieder auftanken können.

In unserer Familie sind wir alle sehr unterschiedlich. Ich bin dankbar, dass mir eine Freundin schon früh ein Buch¹ empfohlen hatte, in dem es darum ging, die verschiedenen Charaktere besser zu verstehen.

Auch die Bitte um gegenseitige Vergebung und wie man es schafft, aus Konflikten wieder raus zu kommen, sind wichtige Themen. Und wenn ich an Till und Mia denke, dann wünsche ich ihnen von Herzen, dass sie auch die Versöhnung ihrer Eltern erleben. Hier können Eltern ihren Kindern gute Vorbilder sein, indem sie einander um Vergebung bitten und diese auch zusprechen.

Gemeinsam Lösungen finden

Konflikte müssen ausgetragen werden. Wichtig ist, dass dies aber von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Auch wenn Meinungsunterschiede bestehen oder jemand falsch gehandelt oder geredet hat, sollten wir unbedingt auf Kraftausdrücke, Sarkasmus, bissige Kommentare, Geschrei und Gewalt verzichten. Trotz Aufregung sollten wir einander ausreden lassen und zuhören. Manchmal bedarf es auch einfach der nüchternen Frage: „Wie hast du das gemeint?“, um Missverständnisse zu vermeiden. Die meisten Konflikte in der Familie sind normal und zeitlich begrenzt. Es gibt aber auch Themen, die oft über Jahre immer wieder neu verhandelt werden müssen.

Manchmal hat mich persönlich die Hausaufgabensituation an meine Grenzen gebracht. Ich war oft innerlich so geladen und ungeduldig, dass bei meinem Kind nichts mehr ging. Ich merkte, wie die gute Beziehung zu meinem Kind litt. Zum Glück fand ich eine Schülerin aus der Oberstufe, die uns entlasten konnte. Uns war die Beziehung immer wichtiger als die Leistung. Hier kann manchmal Hilfe von außen die Lage entspannen. Nicht Konfliktvermeidung, sondern das Suchen nach gemeinsamen Lösungen macht Familien stark. Grundlage dafür sind tragfähige Beziehungen. Beziehungen, in denen wir uns geliebt und sicher fühlen.

Teamwork statt Einzelkämpfer

Eine Beziehung aufzubauen braucht allerdings Zeit und das Wissen, was dem Anderen wirklich guttut. Wir haben uns jeden Abend Zeit genommen, mit den Kindern den Tag zu reflektieren und gemeinsam zu beten. Eine gute Möglichkeit ist es, mit den Kindern zusammen etwas zu unternehmen, oder ein gemeinsames Projekt zu schaffen. Jürgen genießt es bis heute, gemeinsame Bergtouren zu unternehmen. Und gerne auch mal nur zu zweit mit Tochter oder Sohn.

Selbst so lästige Aufgaben wie Hausarbeit lassen sich im Team gut schaffen. Samstags haben wir uns schon oft als ganze Familie getroffen und einen Plan erstellt, was im Haus und Garten anliegt. Schon früh durften die Kinder mitentscheiden, was sie am liebsten machen wollen.

Um den „Bindungstank“ gut zu füllen, braucht es aber auch körperliche Nähe und freundliche Worte. Da ist uns die Bibel ein richtig guter Ratgeber.  In den Sprüchen steht: Freundliche Worte sind wie Honig – süß für die Seele und gesund für den Körper. (Sprüche 16,24)

Offene Türen

Meine erwachsene Tochter schrieb mir einmal: „Wenn es auch manchmal chaotisch war, die Stimmung stimmte.“ Das machte mich zu diesem Zeitpunkt sehr froh, denn auch in mir steckt ein bisschen Landlust und der Wunsch nach „Schöner Wohnen“. Und wenn wir auch nicht den perfekten Haushalt haben und noch keine Sterneköche sind, so sind unsere Kinder, Enkel und ihre Freunde herzlich willkommen. Und wie gut, dass mein Schwiegersohn ein so guter Koch ist.

Bedeutet Familie nicht auch, dass wir mit unseren größten Erfolgen und den bittersten Niederlagen kommen können und aufgefangen werden? Mein Herz tut mir weh, wenn mir Familienväter berichten, dass sie in ihrer Kindheit immer Angst hatten. Und mein eigener Vater, der heute schon über 80 ist, träumt noch manchmal von den Schlägen, die er als Kind bekommen hat.

Besonders die Eltern, die in ihrer eigenen Kindheit Ablehnung oder sogar Gewalt erlebt haben, sind auf der Suche nach einem anderen Familienleben.  Ich bewundere die Eltern, die es geschafft haben, trotz hochbelasteter Vergangenheit ihren Kindern liebevoll und zugewandt zu begegnen. „Bevor aus Aufregung Wut wird, bete kurz!“, rät mir ein betroffener Vater, dem es wichtig ist, erfahrene Gewalt nicht an seine Kinder weiterzugeben.

Außerhalb der eigenen vier Wände

Als Gemeinden und Familien haben wir die großartige Möglichkeit, gute Vorbilder für andere Familien zu sein. Eine Mutter berichtete mir, dass ihre Familie sehr davon profitiert zu sehen, wie christliche Familien miteinander umgehen. Gemeinsam mit anderen Familien etwas zu unternehmen und gute Erinnerungen zu sammeln, ist etwas, das uns bis ins Erwachsenleben begleitet. Lasst uns als Familien miteinander ins Gespräch kommen und füreinander beten.

Auch in Gemeinden, Kleingruppen und Kindergruppen gibt es Konfliktpotenzial. Hier müssen wir uns von Gott immer wieder Liebe und Weisheit geben lassen, indem wir ihn bewusst darum bitten. Geduld, Liebe und eine Portion Gelassenheit benötigen wir vor allem für die unruhigen oder auch anstrengenden Kinder. Abwechslung, Unternehmungen und die eine oder andere Wunschliste von den Kindern kann dazu dienen, dass sich die Kinder ernstgenommen und geliebt wissen.

Auf so manchem Spielplatz oder Kindertreff sind die Mitarbeiter die einzigen, die für die Kinder beten, sie segnen und wirklich nach ihrer Meinung fragen, oder auch ein offenes Ohr für Probleme haben. Weil Gott Wert auf eine gute Gemeinschaft in seiner Familie (der Gemeinde) legt, sollte auch uns ein harmonisches und liebevolles Familienleben am Herzen liegen.

Silke Platzen

Silke Platzen arbeitet mit ihrem Mann Jürgen bei kids-team Deutschland in der Region Westerwald. Die beiden haben 5 Kinder und 4 Enkelkinder.

Erschienen im Magazin 02/2021
Titelbild: stock.adobe.com/Syda Productions