Kinder besser verstehen
Impulse durch die World Vision Kinderstudie

Die 4. World Vision Kinderstudie 2018 gibt interessante und teils unerwartete Einblicke in die Lebenswelten der Sechs- bis Elfjährigen und ihre Haltungen zu Themen wie Familie, Schule, Flucht, Armut, Freundschaft und Mitbestimmung. 

Als ich im vergangenen Jahr diese World Vision Kinderstudie in die Hände bekam, interessierten mich unter anderem die Vergleiche zwischen der ersten Studie von 2007 (befragt wurden Kinder von 8–11 Jahren) und der vierten, aktuellen Ausgabe von 2018 (Kinder von 6–11 Jahren). Dabei sind mir einige Trends aufgefallen, die auch für unsere Arbeit mit Kindern Gewicht haben können. Drei von ihnen möchte ich hier aufgreifen.

1. Kinder verbringen immer mehr Zeit in Schule und Betreuung

Der Anteil der Kinder, die nachmittags institutionell betreut werden, hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt. Gingen 2007 noch 76 % der Kinder (8–11 Jahre) nach der Schule sofort nach Hause, sind es 2017 nur noch 51 % (6–11 Jahre). Etwa jedes zweite Kind (49 %) verbringt den frühen Nachmittag entweder in der Ganztagsschule (28 % – 2007: 13 %), der Mittagsbetreuung oder im Schülerhort. 

Für die missionarische Arbeit unter Kindern bleibt das nicht ohne Folgen. Kinder- und Jungschargruppen geraten zunehmend in „Existenznot“, weil die Kinder erst am späten Nachmittag von der Schule oder Betreuung nach Hause kommen – und dann nicht mehr unbedingt Lust haben, eine Gruppe zu besuchen. Das Zeitfenster, in dem wir die Kinder während der Woche erreichen können, wird kleiner. 

Da stellt sich natürlich für uns die Frage: Wie können wir diese Kinder als Gemeinden mit der guten Nachricht von Jesus erreichen?

Wenn Kinder so lange in der Schule sind und nicht in die Gemeinde kommen, können wir als Gemeinde vielleicht in die Schule kommen? Eine Möglichkeit bietet sich in der Schulbetreuung. Viele Gemeinden haben diese Chance erkannt. Schulen wollen ein umfangreiches Betreuungsangebot für die Nachmittage anbieten. Aber die finanziellen Mittel dafür sind überschaubar. Da sind viele dankbar für Vereine und andere freie Träger, die AGs (Arbeitsgruppen) in Schulen veranstalten. Wie wäre es, neben (oder statt) der Jungschar eine „Bibelentdecker-AG“ in einer Schule anzubieten? Weil diese AG natürlich regelmäßig stattfinden sollte, braucht es 3–4 Mitarbeiter für eine solche Gruppe. Bei Interesse können wir als kids-team dich gerne beraten und dabei unterstützen, ein Konzept für eine AG oder das Programm für ein Schuljahr zu erarbeiten. 

Ansonsten verlagert sich die Zeit, in der wir Programme für Kinder anbieten können, mehr aufs Wochenende oder in die Ferien.

Apropos Ferien: Hier suchen viele Jugendämter nach Veranstaltern von Ferienprogrammen. So können wir einen wichtigen – auch gesellschaftlich relevanten –
Beitrag leisten, wenn wir ganztägige Kinderprogramme (ein Tag oder eine Woche) anbieten. Unsere Erfahrung bei Ferienprogrammen ist: Die Kinder haben viel Zeit und die meisten Eltern sind dankbar für eine gute Betreuung. 

2. Die gemeinsamen Familienzeiten werden kürzer

Der Anteil der Familien mit einem Erwerbstätigen hat sich in den letzten 11 Jahren deutlich verringert (von 42 % auf 28 %). Die Zahl der erwerbstätigen Eltern steigt stetig. – Familien haben weniger Zeit füreinander.

Eltern wünschen sich „Quality time“ mit ihren -Kindern. Als „Quality time“ bezeichnet man Zeit, die Familien oder Paare exklusiv miteinander verbringen, um ihre Beziehung zu pflegen. Gemeinsames Essen, Unternehmungen, Erlebnisse oder der Besuch von Veranstaltungen können solche „Quality times“ sein. Dabei kommt es, wie der Begriff schon nahelegt, mehr auf Qualität an als auf Quantität.

Was ich angesichts dieser Tatsache hinterfragen möchte: Kann es unser Ziel sein, die Kinder dauerhaft an Wochenenden aus den Familien herauszuholen, um Kinderprogramme zu veranstalten? – Sollten wir nicht viel mehr die ganze Familie als Zielgruppe sehen? 

Wir sollten überlegen, wie wir Familien stärken und ihnen die Möglichkeit anbieten können, solche „-Quality time“ miteinander zu verbringen. Hier kann kreativ experimentiert werden: Gemeinsame Mahlzeiten und Unternehmungen mit Eltern und Kindern wie z. B. eine Kanu-Tour, ein Mitmach-Konzert, eine Zelt-Übernachtung, ein „Erlebnis-Wochenende“ (Familienfreizeit), ein Geländespiel, ein handwerkliches Projekt oder ein Familientag. Auch Kinderprogramme kombiniert mit Familienprogrammen haben sich bewährt. 

Zum Beispiel:

1. Zirkusnachmittage:

Nachmittags (oder in den Ferien auch ganztägig) üben Kinder Kunststücke, Akrobatik, Tänze, Sketche, Jonglieren … ein.

Abschluss ist dann eine „Zirkus-Show“ für die ganze Familie.

2. Kinderfrühstück:

Samstagsmorgens treffen sich Kinder in der Gemeinde zu einem Frühstück und einem Kinderprogramm (ca. 3 Stunden) mit Essen, Kreativ- oder Spiel-Elementen und einem biblischen Programmteil. Sonntags gibt es dann einen Familiengottesdienst (vielleicht zum gleichen Thema) mit gemeinsamem Mittagessen.

Übrigens lassen sich auch LEGO® Wochen als Familienevent gestalten. Meine Erfahrung ist, dass sich dabei verhältnismäßig viele Männer einladen lassen, zum Beispiel bei „Eltern-Kind-Bauzeiten“ am Samstagvormittag. Dabei ergeben sich dann gute Möglichkeiten, Familien die gute Nachricht von Jesus weiterzugeben.

3. Alleinerziehende Erwerbstätige sind oft mit ihrer Situation unzufrieden

„Haben deine Eltern zu wenig Zeit für dich?“, lautete eine Frage der Studie. Dabei stellte sich heraus, dass Kinder und Eltern (auch wenn beide erwerbstätig sind) meistens damit zufrieden sind. Im Durchschnitt sagen nur 11 % der Kinder, dass ihre Eltern (ein Elternteil oder beide) zu wenig Zeit für sie haben. Diese Zahl ist bei Kindern von Alleinerziehenden Erwerbstätigen mit 34 % deutlich höher. Auch die Eltern selbst empfinden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oft als „schlecht“ (10 %) oder „mittelmäßig“ (33 %).

Welche Möglichkeiten gibt es für Gemeinden, diesen „Ein-Eltern-Familien“ zu helfen? Hier sind gesonderte Programme sicher nicht nötig. Viel mehr hilft es, Freundschaften aufzubauen. Was Alleinerziehende schätzen, sind Freunde, die auch dann da sind, wenn es zeitlich eng wird. Sie brauchen Familien, die Zeit mit ihnen und ihren Kindern verbringen. Solche Freunde kommen dann sicher auch gerne zu Familien-Events in die Gemeinde.

Schon im Alten Testament lesen wir, wie Gott befahl, dass Erwachsene und Kinder gemeinsam mit Gottes guter Botschaft erreicht werden sollen (5.Mose 32,12). Lasst uns weiter an dem Anliegen arbeiten, Familien zu stärken. Familien in Gemeinden brauchen Freiraum und Unterstützung. Niemand erreicht Familien so gut wie andere Familien. 

Jürgen Platzen
kids-team Westerwald

Erschienen im Magazin 01/2020