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Kein Stress mit ADHS!

Margit Schablowski

Margit Schablowski ist Absolventin der Schule für christliche Naturheilkunde. Sie führt eine Fachpraxis mit Schwerpunkt ADHS und ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für christliche Naturheilkunde (DGCN). Als christliche Heilpraktikerin begegnet sie den Menschen auf Grundlage des biblisch-christlichen Menschenbildes. Ihr Anliegen: „Ich begleite meine Patienten auf dem Weg, „Experten für Ihre eigene Gesundheit“ zu werden und in einen gesund-machenden oder gesund-erhaltenden Lebensstil hineinzugelangen.“Als überzeugte Christin verzichtet sie in ihrer Arbeit bewusst auf esoterische und fernöstlich-religiöse Behandlungsverfahren oder ethisch fragwürdige Methoden. Seit 20 Jahren ist sie glücklich verheiratet und Mama von vier Kids

Bei meinem ersten Vortrag zum Thema AD(H)S kam die Frage auf, ob man evtl. in der Bibel Personen findet, die möglicherweise mit AD(H)S diagnostiziert werden würden. Ohhhh – biblische Personen diagnostizieren – schwierig, dachte ich … Später erzählte mir meine Mentorin vom allerersten AD(H)S-Weltkongress, der bezeichnenderweise in Jerusalem stattfand. Sie sagte, sie war völlig verblüfft, als sie den Rabbi in seiner Eröffnungsrede Folgendes sagen hörte: „Weltweit gibt es ca. 6–9% AD(H)S-ler. In Israel sind es 20%, und wir sind stolz darauf. Wenn wir in unseren Tanach (Altes Testament) schauen, sehen wir sie an jeder Ecke“. (Im Neuen Testament übrigens auch – ich sage nur: Petrus!)

Meine Erfahrungen aus erster Hand

Ich bin Margit. Königstochter mit ADHS, Ehefrau eines betroffenen Mannes, Mutter von vier betroffenen Kindern und christliche Heilpraktikerin mit Fachschwerpunkt AD(H)S. Heute kann ich das mit einem selbstbewussten Lächeln sagen, obwohl das Syndrom immer noch manchmal nervt. Z. B. schreibe ich diesen Artikel nicht zu Hause, weil ich dort zu viele Ablenkungen für so ein Projekt habe. Aber im Gegensatz zu früher verurteile ich mich deshalb nicht mehr, sondern finde auf der Grundlage des Verständnisses für mein neurodiverses (anders tickendes) Gehirn einen guten Ausweg – zum Glück unterstützt mein Mann das! So sitze ich in der Orchideenausstellung der Insel Mainau bei gedämpften Klängen von Vivaldis Frühling und schreibe ohne die Ablenkungsfaktoren Wäsche, Hausaufgabenhilfe, schmutzige Fenster …

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Späte Erkenntnis

2009 kamen mein Mann, unsere beiden großen Kinder und ich von einem jahrzehntelangen Auslandseinsatz mitten in der Wirtschaftskrise nach Deutschland zurück. Bis dato wusste ich von ADHS nur, dass es das gibt. Alle Eigenschaften, die ich bisher als einschränkend erlebte, schob ich auf schwierige Umstellungsprozesse, Traumata, Familiengeschichte, Prägung usw. Wie z. B. der Wechsel zwischen absolut konzentrierter Höchstleistung versus dem Gefühl, dringend ganz viel Ruhe zu brauchen. Mir alles merken zu können, was mich interessiert, ohne zu lernen, aber nichts, was mir unnötig oder uninteressant erscheint. Meine extreme Dünnhäutigkeit (Hochsensibilität), nicht nur in Bezug auf die Neurodermitis, sondern auch was Stimmungen, Unsichtbares, Schmerzwahrnehmung und Gefühle … angeht. Nöte anderer so stark wahrzunehmen, dass ich oft ungefragt einspringe und mich komplett überfordere versus völliger Betriebsblindheit für die eigenen Bedürfnisse. 

2014 folgte ein weiteres Jahr voller Herausforderungen:  Risikoschwangerschaft mit unserem vierten Kind, Umzug, Tod der Schwiegermutter, Sturz eines Kindes vom Dachboden mit Trümmerbruch der Schreibhand, Geburt des jüngsten Kindes mit einer sehr seltenen Stoffwechselerkrankung, die häufige Klinikaufenthalte mit sich brachte. Auch wenn Menschen mit ADHS häufig als sehr trag- und leidensfähig gelten, wenn es um geliebte Menschen geht und sie von Grund auf eher eine Stehaufmännchen-Natur haben, war das Maß voll, als in diesem Jahr auch noch eins unserer Kinder in der Schule begann, immer auffälliger zu werden.

Schwierige Diagnostik

Als ich mich mit Hochsensibilität eingehender beschäftigte und merkte, dass dieses Thema uns als ganze Familie betrifft, begann ich auf dieser Grundlage nach Hilfe zu suchen. Eine Ärztin, die sich gut mit Hochsensibilität auskennt, lehnte aber ab, uns zu behandeln, da ADHS im Raum stand und sie dies als großen Unterschied betrachtete. Trotzdem brauchte unser Kind aber aufgrund zahlreicher Schwierigkeiten in der Schule Hilfe. Schlussendlich stand die Diagnose trotz gründlicher Diagnostik sehr schnell fest: AD(H)S mit „aufgesattelter“ Legasthenie inklusive einer auditiven und visuellen Verarbeitungsstörung. Jahre später bestätigte sich dann, was ich innerlich schon damals ahnte, mir aber aberkannt wurde: Die Hochsensibilität ist Grundlage von AD(H)S. Grund sind die hochsensiblen Mandelkerne (eine Struktur im Gehirn). Sie sind nicht willentlich steuerbar und reagieren bei Hochsensibilität / AD(H)S viel sensibler als bei neurotypischen Gehirnen (ohne AD(H)S). Der große Unterschied: Das Wort Hochsensibilität ist viel weniger stigmatisierend als AD(H)S.

Eine sehr herausfordernde Reise begann – zwischen den vielen anderen Baustellen, die täglich zu bewältigen waren. Weitere Diagnostik, Wahrnehmungstraining*, Kreuzmustertraining*, Ergotherapie, Physiotherapie, Lesetraining, Medikation, Versorgung mit einer Prismenbrille, Päd-Audiometrie (Gehördiagnostik), Neurofeedback*, Psychotherapie, endlose Schulgespräche und Verteidigung gegen massive Anschuldigungen von außen und innen. (*verschiedene Therapiemöglichkeiten bei AD(H)S)

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Ich weiß noch, wie ich mich bei einer Ärztin entschuldigte, weil mein Junior motorisch so unruhig war und alle Spielgeräte in ihrer Praxis bis zum Äußersten ausreizte. Sie sagte zu mir: „Frau Schablowski, Sie brauchen sich hier nicht zu entschuldigen. Ich kenne mich gut mit dem Thema aus und sehe sehr wohl, wieviel Mühe Sie in die Erziehung investiert haben.“

Ich brach in Tränen aus und konnte mich lange nicht beruhigen. Das war das erste Mal, dass jemand hinter die Fassade sah. Sonst hörte ich eher: „Würden Sie Ihre Kinder besser erziehen, käme es dazu gar nicht.“ Oder: „Wenn Sie strenger wären, würde er sich nicht so querstellen.“ „Man sieht es ja an den Noten. Wenn sie nur will, dann kann sie, es braucht nur genug Druck.“ „Was??? So etwas lässt Du Dir gefallen?“ Tatsächlich gibt es Studien darüber, dass Kinder mit AD(H) S am häufigsten geschimpft werden. Die Betroffenen wissen dies auch ohne Studien aus ihrem täglichen Leben.

Wie man lernt, damit umzugehen

In meinem ersten Elterntraining lernte ich, dass AD(H)S
keine psychiatrische, sondern eine neurologische Erkrankung ist. Ich begriff, dass dieses Syndrom genetisch kodiert (vererbt) ist. Faktoren wie Erziehung, Umfeld, Ernährung usw. haben zwar einen Einfluss auf die Entwicklung, verursachen  aber kein AD(H)S. Ich lernte, dass tatsächlich das Gehirn anders funktioniert, ja, dass man sogar mit bildgebenden Verfahren zeigen kann, dass manche Areale kleiner oder größer sind und in der Durchblutung oder Funktionsweise abweichen. Endlich hatte ich die so dringend benötigte Erklärung für die Probleme, die wir zu Hause hatten, und viele Schuldgefühle und damit auch die Scham weichten langsam auf.

Mit dem Verständnis für die Neurologie bei AD(H)S und die abweichende Funktionssteuerung wuchs die Erkenntnis, welcher Schatz hier in zerbrechlichen Gefäßen liegt. Zum Beispiel ist es möglich, wenn ein gutes Verständnis der AD(H)S vorhanden und eine fachgerechte Umgebung gewährleistet ist, mit dem Einsatz von Basismotiven zu arbeiten. So sind aufgrund der Hirnstruktur außerordentliche Leistungen möglich.

Im Folgenden einige dieser Basismotive:

hohes Autonomie-Bedürfnis
(selbstbestimmt geht alles)

Erster/Bester/Sieger/Gewinner
(Wettkampforientierung – Sportler)

Helfer/Retter in der Not
(für den anderen geht alles – für einen selbst eher nicht)

Starkes Gerechtigkeitsbedürfnis
(oft altruistischer ­Einsatz für Schwächere)

Erforschungs-/Entdeckungsbedürfnis
(geniale ­Erfindungen/Innovationen)

Suche nach besonderer Herausforderung/
high-risk-Verhalten

(Helfer- und Retterberufe)

Anerkennung durch Gleichaltrige/Peergruppe

Aufklärung ist wichtig

Meine Vision ist, AD(H)S aus der Stigmatisierung herauszuholen – immerhin gibt es eine große Anzahl prominenter Menschen, die sich in der Zwischenzeit dazu bekennen, darunter viele Vielverdiener. Arno Backhaus, der ein Buch mit dem Titel „Auch Du hast Stärken“ schrieb, ist einer davon. Der deutsche Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen, Will Smith, Channing Tatum, Jennifer Lopez, Jackie Chan, Emma Watson (alles Schauspieler), Michael Phelps, Michael Jordan (beides Sportler), Bill Gates und viele weitere haben sich „geoutet“. ADHS ist kein vernichtendes Urteil!!!

Mit meinem stärkenorientierten Programm „Auch Du hast Stärken – ADHS und die 7 Schlüssel“, helfe ich Menschen, Zugang zu ihren Stärken zu bekommen, den Kreislauf aus Schuldgefühlen und Scham zu durchbrechen und zu einem entspannten Umgang mit AD(H) S  zu finden. Neben der Erklärung des Gehirns und aller harten Fakten zu Medikation und Co. geht es um alltagsrelevante Themen und die Schlüssel zu einem heilsamen Umgang mit den Schwierigkeiten: Ermutigen, Erziehen, Ernähren, Ergänzen, Entgiften, Erleben und Entspannen

Wenn du mehr wissen willst und den Stress mit AD(H) S  satthast, dann melde dich mit dem QR-Code an, dort bekommst du gratis meine wichtigsten und vor allem praxiserprobten Tipps für den Familienalltag mit Hochsensibilität und AD(H) S!

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Empfehlenswerte Bücher:

Thilo Fitzner:
Doch unzerstörbar ist mein Wesen

Cordula Neuhaus:
ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Cordula Neuhaus:
Das hyperaktive Baby und Kleinkind

Russel A. Barkley:
Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS

Anna Maria Sanders:
„Schon wieder hat Max“
und
„Ich dreh gleich durch“

Margit Schablowski 

Erschienen im Magazin 02/2021